
Claudio, du feierst 50 Jahre musikalische Karriere und warst zwei Jahre lang der künstlerische Leiter der wichtigsten italienischen Fernsehshow: „das Leben ist also jetzt?“ „Immer. Schon allein deshalb, weil die Vergangenheit nicht mehr da ist und die Zukunft noch nicht da ist. Die Gegenwart ist der Augenblick, den die Lateiner uns einluden, nicht zu verpassen. ‚Nutze den Tag‘, sagten sie ja. Was keineswegs bedeutet, ‚in den Tag hinein zu leben‘, wie manche glauben. Vielmehr bedeutet es: die Zeit nicht zu verschwenden. ‚Es ist nicht so, dass wir wenig Zeit haben, mahnte Seneca, sondern dass wir viel davon verschwenden.‘ Wer in der Erinnerung an die Vergangenheit oder in der Sehnsucht nach der Zukunft lebt, lebt nicht. Und er verliert die einzige Zeit, die uns wirklich gegeben ist: die Gegenwart. Hier und jetzt lebt unser Leben. Und hier und jetzt müssen wir es leben. Die Zukunft ist das Ziel, die Vergangenheit ist die Erfahrung, die uns leiten soll, doch auf dem Weg der Gegenwart müssen wir gehen. Ohne auch nur einen Meter zu verlieren.“
Du bist derweil, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zu einer Ikone der italienischen Diskografie geworden. Einige deiner Lieder haben die aussergewöhnliche Kraft, uns in der Zeit zurückzuversetzen: zu den Feuerzeugen bei den Konzerten, zu den Tausend-Lire-Scheinen, zu den Telefonmünzen, zu den ersten Lieben und zu alten Citroën. Welches ist während deiner Konzerte deiner Meinung nach das Stück, das für das Publikum am eindrücklichsten ist, und aus welchem Grund? „Es gibt nicht nur eines. Zum Glück, würde ich hinzufügen. Nicht nur, weil nicht alle denselben Weg gegangen sind wie ich, sehr viele sind unterwegs dazugekommen, sondern auch, weil wir nicht alle dieselbe Sensibilität haben und nicht alle von den Liedern dasselbe verlangen. Ganz zu schweigen davon, dass jedes Lied zu jedem auf andere Weise spricht. Noten und Worte sind für alle dieselben, aber sie sagen jedem von uns etwas anderes. Und genau das ist die Kraft der Musik: dass sie immer die richtigen Noten und Worte für alle findet.“
Wir werden es auf deiner Live-Tournee entdecken: Wie wird das Konzert ablaufen, das in Zürich stattfinden wird? Wirst du einer bestimmten Songliste folgen oder Raum für Improvisationen lassen? „Keine Improvisation. Zumindest nicht in der Songliste. Es ist ein Anthologie-Konzert, in dem ich versucht habe, die beliebtesten Lieder zu versammeln, von mir und von denen, die mir folgen, und ich habe sie in chronologischer Reihenfolge angeordnet. Eine absolute Premiere: Niemand hat das je getan. Aber es ist meine Geschichte, und mir wurde sofort klar, dass der beste Weg, sie zu erzählen, darin bestand, am Anfang zu beginnen. Tatsache ist, dass wir uns, während wir wachsen, verändern. Unsere Art, die Dinge zu sehen, verändert die Lieder, und die Lieder verändern unsere Art, die Dinge zu sehen. Es ist ein Austausch. Ein ständiger. Ohne die Stücke, die ihnen vorangingen, wären ‚Strada facendo‘ oder ‚E tu come stai?‘, ‚La vita è adesso‘ oder ‚Mille giorni di te e di me‘, um nur einige Beispiele zu nennen, nie dieselben gewesen. Und keines von ihnen wäre je entstanden ohne ‚Questo piccolo grande amore‘. Mich interessierte es, diesen Austausch zu erzählen, dieses gemeinsame Wachsen. Das im Übrigen das gemeinsame Wachsen ist, das auch einen Künstler und sein Publikum betrifft. Und da die Musik immer das Zentrum meines Lebens war, dachte ich, es sei richtig, sie ‚Al Centro‘ zu stellen, sowohl im übertragenen als auch im wörtlichen Sinne. Daher die Idee der zentralen Bühne, die die Distanzen auf ein Minimum verringert: Alle sehen besser und, vor allem, hören besser, auch weil die Verstärkung viel gleichmässiger verteilt wird und man mehr auf die Qualität als auf die Quantität des Klangs setzen kann. Ganz zu schweigen davon, dass der Bühnenraum, grösser und modular, zu einem der Protagonisten der Show wird. All das macht aus ‚Al Centro‘ eine Art ‚totales Theater‘, in dem Klänge, Stimmen, Lichter, Bilder, Choreografien und Darbietungen mit der Musik verschmelzen, um sie noch fähiger zu machen, zu bewegen und uns träumen zu lassen.“
Ich möchte dir eine Frage als ‚mit den Fakten vertraute Person‘ stellen. In deiner Diskografie gibt es viele Stücke, die als Evergreens gelten. Glaubst du, dass es heute leicht ist, das Potenzial eines Liedes zu erahnen, das auch in 20 Jahren noch als Klassiker gehört werden könnte? Werden deiner Erfahrung nach noch ‚zeitlose‘ Lieder produziert, wie du sie uns mit deinem Repertoire geschenkt hast? „Ja, aber es wird jeden Tag schwieriger. Und das nicht nur, weil die Kombinationen zwischen den Noten unzählig, aber nicht unendlich sind und somit die schönsten Lieder bereits geschrieben wurden und immer weniger zu schreiben bleiben. Sondern auch, weil die Musik heute nicht mehr im Zentrum unserer Gedanken steht. Sie ist Peripherie, Hintergrund. In den 60er- und 70er-Jahren war sie das ‚soziale Netzwerk‘. Die jungen Leute lernten sich kennen, sprachen miteinander, liebten sich, lebten durch die Musik. Heute ist es nicht mehr so. Die Jungen haben andere Interessen. Es sind andere Dinge, die sie inspirieren. Die Musik ist da, aber sie ist Hintergrund. Man hört sie überall, aber man hört ihr nicht mehr zu. Und das tut ihr nicht gut, denn es erlaubt ihr nicht zu wachsen, zu reifen, sich zu entwickeln. Als ich jung war, gab es in jedem Keller eine Band (damals nannte man sie ‚complessi‘), und alle liefen mit einer Gitarre über der Schulter herum. Heute wird viel weniger gespielt. Und die Musik leidet darunter. Sie findet weniger Seelen und weniger Herzen, denen sie sich anvertrauen kann. Als Musiker hoffe ich, dass es nur eine Phase ist, dass sie bald endet und dass die Jungen wieder Musik säen. Und früher oder später, du wirst sehen, werden auch die schönen Lieder wieder erblühen.“
Und diese seine positive und romantische Denkweise hat im Grunde auch schon uns angesteckt… danke, Claudio!